Kein Erfolg ohne Zuverlässigkeit

Muss man denn wirklich so zuverlässig sein? Ist das Streben nach „100% zuverlässig“ nicht verbissen? Warum das Leben nicht locker angehen?

Das sind berechtigte Fragen. Sie wurden mir von dem Teilnehmer einer Konferenz gestellt, auf der ich in meiner Keynote für mehr Zuverlässigkeit in der Softwareentwicklung plädiert hatte.

Und der Teilnehmer untermauerte sie noch mit dem Verweis auf seine Herkunft. Er käme aus einem Land, wo man andauernd Versprechen geben und dann doch nicht einhalten würde. Das würde jedoch niemanden großartig stören. Es sei Usus, alle täten es, kein Problem. Man sei zufrieden damit.

Ja, was soll ich da sagen…?

Natürlich muss niemand zuverlässig sein. Die Grundhaltung von ich-verspreche.org ist jedoch, dass Zuverlässigkeit – und auch noch mehr Zuverlässigkeit als heute in vielen Bereichen zu finden ist – zu mehr Freude im Leben führt. Ja, ich glaube, nicht weniger steht hinter unserer Initiative.

Aber da ist dieser Teilnehmer und behauptet, seine Landsleute führten mit viel weniger Zuverlässigkeit doch ebenfalls ein freudvolles Leben. Wie passt das zusammen?

Niemandem sei natürlich ein freudvolles Leben in Unzuverlässigkeit abgesprochen. Vielleicht gelingt es den Landsleuten des Teilnehmers auch wirklich. Nur habe ich doch so meine Zweifel.

Ich habe meine Zweifel, weil es mir tatsächlich an Vorstellungskraft fehlt, Zuverlässigkeit als nicht so wichtig zu erachten und keine Verbindung zu den Verhältnissen im Herkunftsland zu ziehen. Denn das Herkunftsland des Teilnehmers ist nach unseren Vorstellungen vergleichsweise arm.

Aber kann man nicht arm und doch freudvoll sein? Bestimmt. Irgendwie. Für Freude im Leben braucht es nicht viel. Doch warum ist dann das Herkunftsland des Teilnehmers so bekannt für Wirtschaftsflüchtlinge? Wer ein freudvolles Leben führt, sucht doch nicht in der Ferne ein besseres und verlässt gar die Heimat.

Und dann rangiert das Herkunftsland des Teilnehmers im Korruptionsindex bestenfalls im Mittelfeld. Ist das ein gutes Zeichen für freudvolles Miteinander in einer Gesellschaft? Da habe ich so meine Zweifel.

Korruption ist das Gegenteil von Zuverlässigkeit. Menschen erfüllen nicht das mit ihrer Position/Rolle verknüpfte Versprechen, sei das in der Wirtschaft oder im Staat. Der Teilnehmer hat also ganz zutreffend berichtet, Zuverlässigkeit sei in seinem Heimatland nicht so wichtig. Was sich jedoch nach einer Sache im kleinen Zwischenmenschlichen anhörte, beschränkt sich nicht darauf. Die Unzuverlässigkeit im Kleinen spiegelt sich im Großen.

Das scheint mir auch ganz natürlich. Wieso sollte ein Wert, den jeder persönlich nicht hat, sich plötzlich in Organisationen finden? Organisationen spiegeln uns Menschen. Wir schaffen sie nach unserem Bild.

Also nochmal: Natürlich gibt es keinen Zwang zur Zuverlässigkeit. Jeder soll nach seiner Façon erfolgreich werden. Nur scheinen mir Armut und Korruption keine rechten Erfolgssymptome.

Wie kommt es also, dass der Teilnehmer dennoch so vollmundig ein Lob der Unzuverlässigkeit sang? Vielleicht liegt es daran, dass er schon seit Jahren nicht mehr in seinem Heimatland lebt. Er genießt die höhere Grundzuverlässigkeit im deutschsprachigen Raum. Also mögen ihm heimatliche Verhältnisse nicht mehr so schlimm erscheinen.

Kann sein, aber ich vermute, der wahre Grund liegt in einem Missverständnis. Es scheint mir günstig, zwei Arten von Zuverlässigkeiten zu unterscheiden:

  • Da ist die Zuverlässigkeit von sozialen Systemen/Organisationen und ihren Produkten.
  • Und da ist die Zuverlässigkeit der Welt, der Natur, des Universums.

Zuverlässigkeit wie wir sie hier meinen, ist natürlich nur eine Sache von sozialen Systeme, d.h. des Menschen. Es geht um Versprechen. Dafür blickt der eine Mensch dem anderen ins Auge und macht eine Zusage. Wir versuchen damit Komplexität zu reduzieren, das Leben also einfacher zu gestalten.

Zuverlässigkeit in der Welt im allgemeinen gibt es nicht. Kein Baum, kein Tier, kein Stein, kein Fluss macht ein Versprechen. Die Natur ist und bleibt letztlich unberechenbar. Schon der eigene Körper ist es. Keine Garantie, dass wir nicht krank werden. Und zur Natur gehören dann auch die anderen Menschen. Wie sie sich verhalten, ist ebenfalls letztlich unberechenbar.

Die fundamentale Unzuverlässigkeit, Unsicherheit, Schicksalhaftigkeit des Lebens ist damit trotz aller Bemühungen so hoch, dass wir gut daran tun, uns damit abzufinden. Wir müssen einen freudvollen Weg innerhalb von Unsicherheit finden. Das ist die Sache von Religion und Philosophie.

Mir scheint, darauf hat der Teilnehmer angespielt. Er hat sagen wollen, dass man in seinem Heimatland eine Grundhaltung zum Leben habe, die anerkennt, dass das Leben viel weniger kontrollierbar ist, als wir annehmen und es uns wünschen. Ihm schien mein Vortrag dafür zu plädieren, dass man versuchen solle, das Leben mehr zu kontrollieren – was doch aber ultimativ zum Scheitern verurteilt sei. Nicht so verbissen zuverlässig sein wollen, lieber etwas mehr Gelassenheit und Gottvertrauen. Ja, das kann wohl gut sein, dass er mir eigentlich das sagen wollte.

Womit er auch recht hat. Wir brauchen mehr Fähigkeit, mit Fehlern und Scheitern und Schicksal umzugehen. Ein weiteres Thema, mit dem sich die Softwareentwicklung (oder Organisationen im Allgemeinen) beschäftigen sollte.

Andererseits aber eben auch ein Missverständnis.

Selbst wenn letztlich alles eitel sein mag. Selbst wenn alles menschliche Tun scheitern kann. Wir kommen ja nicht umhin, etwas zu wollen und anzustreben. Das mag ein frisches Croissant am Morgen sein oder mehr Gehalt ab nächstem Jahr oder Internet selbst in der Wüste oder Menschen auf dem Mars oder weniger Hunger auf der Welt oder weniger Müll in den Meeren.

Wenn wir das nicht so hinbekommen, wie wir es wünschen, dann sollten wir damit zurechtkommen ohne zu verzweifeln. Absolut! Und wenn die Landsleute des Teilnehmers es besser schaffen, mit Scheitern und Verlusten umzugehen, als wir so scheinbar verbissenen Deutschen, dann sollten wir von ihnen lernen.

Um zu scheitern, muss man sich jedoch zunächst einmal aufmachen. Scheitern ist immer nur im Zusammenhang mit Handlung möglich. Und das bedeutet heute noch mehr als bisher in der Menschheitsgeschichte, sich auf andere Menschen einzulassen. Früher war der „Kooperationspartner“ die rohe Natur: Menschen sahen sich für ihre Ziele mit Erde, Wasser, Pflanzen, Tieren konfrontiert. Das ist immer noch so. Doch viel häufiger sind wir eben mit anderen Menschen konfrontiert, davon gibt es immer mehr, die immer dichter zusammenleben. Die brauchen wir als echte Kooperationspartner. Kollegen, Dienstleister, Kunden: nur mit ihnen, nicht gegen sie können wir unsere Wünsche realisieren.

Das kann wie alles im Leben scheitern. Also brauchen wir Gottvertrauen oder moderner: Resilienz, ein, gar Antifragilität.

Aber solange wir noch nicht gescheitert sind… brauchen wir vor allem eines: Menschenvertrauen. Wir müssen unseren Mitmenschen vertrauen. Wir müssen uns auf kleine und große, explizite und implizite Versprechen verlassen können. Ohne zuverlässiges Miteinander kein Fortschritt. Kein halbwegs verlässlicher jedenfalls.

Das ist die Grundannahme von ich-verspreche.org: Dass wir unsere Ziele viel einfacher, d.h. mit weniger Energie und mit mehr Freude erreichen, wenn wir all unsere Versprechen einhalten.

Zuverlässigkeit ist das Fundament entwicklungsfähiger, freudvoller Gemeinschaften.

Jede Gemeinschaft beginnt mit einem Versprechen, sich an die gemeinschaftlichen Regeln zu halten: von den zehn Geboten bis zum Grundgesetz.

Diese Regeln wiederum legen dar, welche konkreteren Versprechen alle Gemeinschaftsmitglieder sich geben bzw. die Gemeinschaft als Ganzes ihren Teilen.

Und viele Regeln beziehen sich explizit wiederum auf die Zuverlässigkeit: Betrug, Unterschlagung, Untreue, Verrat werden streng geahndet.

Das bedeutet im Umkehrschluss nicht, mit hoher Zuverlässigkeit sei alles Freude und Glückseligkeit.

Aber wir glauben, dass ohne einen steten hohen Willen zur Zuverlässigkeit, Freude und Glückseligkeit oder auch nur schlicht „geschäftlicher Erfolg“ sich schon gar nicht einstellen.

Wo Menschen in Gemeinschaft leben, allemal wo Teams ein sehr konkretes Ziel verfolgen sollen, da braucht es von allen Beteiligten das Bewusstsein für die Notwendigkeit zur Zuverlässigkeit in den für Erfolg relevanten Dingen.

Ja, ich denke, so kann ich die Haltung von ich-verspreche.org zusammenfassen.

Jede Gemeinschaft muss dann für sich herausfinden, was sie als „Erfolg“ ansieht und was dafür „relevante Dinge“ sind. Dass zur Erreichung dieses Zustands jedoch allseitige Anstrengungen zur Zuverlässigkeit nötig sind, halten wir für unverbrüchlich. Das ist für uns quasi ein Axiom.

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