Auf mein Wort kann man sich verlassen

„Ich bringe nicht viel zustande, aber auf mein Wort kann man sich verlassen.“ – dieser Satz aus Figur Cole aus der Serie The Affair hat mich neulich berührt und nachdenklich gemacht.

Berührt hat er mich, weil Cole damit verzweifelten Ausdruck seiner Desillusionierung gibt. So viel, was für ihn richtig und gewiss erschien, rinnt ihm durch die Finger. Ihm ist klar geworden, dass er nicht im Griff hat, was er erreichen und gut machen wollte. Er ist nicht der Macher, der er sein möchte oder meint, sein zu sollen, sondern treibt auch nur auf Schicksalswellen.

Und mit diesem Satz nähert er sich seiner Freundin wieder an, die er zuvor aus all seiner Anspannung heraus verprellt hatte. Er öffnet sich ihr, zeigt sich als unsicher und bedürftig. Sein Ergebnisversprechen: Er wird sie nie wieder so verletzen, wie er es getan hat. Dass sie darauf vertrauen können, würden alle bestätigen, die er kenne. Er halte wenigstens sein Versprechen.

Die Tragik, die auch in diesem Bemühen steckt, hat mich einfach berührt. Ich finde, Joshua Jackson spielt Cole überzeugend.

Besonders angesprungen bin ich in dem Satz natürlich auf die Verlässlichkeit. Cole gibt ein Versprechen in Bezug auf seine Versprechen ab. Er betont, dass er zumindest verlässlich sei, wenn er sonst schon sein Leben nicht voll im Griff hat.

Ist das aber kein Widerspruch? Ist „nicht viel zustande bringen“ nicht das Gegenteil von „auf mein Wort kann man sich verlassen“? Nein, nicht solange er keine Ergebnisversprechen abgibt für Dinge, die er zustande bringen will.

Er hat es z.B. nicht geschafft, nach dem Tod seines Sohnes, seine Ehe zu erhalten. Dazu hatte er allerdings auch kein Ergebnisversprechen, sondern nur ein Verhaltensversprechen gegeben. Und dieses Verhaltensversprechen hat er tatsächlich eingehalten – leider nicht mit dem gewünschten Ergebnis. Bei aller Investition seinerseits in die Ehe gab es keine Garantie, dass das ausreichen würde. Es gehören zwei dazu, die es wollen.

So kann sich Cole als gescheitert und doch verlässlich empfinden.

Das finde ich sehr klar, sehr bewusst. Denn geht es uns nicht allen so? Können wir überhaupt in größeren Dingen etwas anderes in Aussicht stellen?

Ich glaube, mit seinem Satz hat Cole ausgesprochen, was wir realistisch von einander erwarten können und sollten.

Ob wir im Leben „etwas zustande bringen“, können wir nicht versprechen. Nicht anderen Menschen, nicht uns selbst sollten wir etwas anderes vormachen.

Doch wir können Verlässlichkeit versprechen. Das heißt, wir können versprechen, uns unserer Mitmenschen bewusst zu sein und sie respektvoll zu behandeln, insbesondere wenn sie uns um etwas bitten. Wenn andere sich auf uns verlassen, dann gilt es. Dann sollten wir ehrlich und realistisch sein in dem, was wir versprechen. Dann sollten wir konsequent im Rahmen unserer Versprechen handeln.

Das ist für mich die Basis von Gemeinschaft. So kann Vertrauen wachsen.

Cole mag seine Ehe nicht erhalten haben, er mag gescheitert sein bei der Führung der elterlichen Ranch, vielleicht schafft er auch nicht, sich aus seiner Verzweiflung herauszuarbeiten. Dennoch kann er seinen Mitmenschen und insbesondere seiner Freundin ein verlässliches Gegenüber sein.

Das zu erkennen und sich darum zu bemühen, finde ich wichtig und auch menschlich.

Veröffentlicht in Allgemein

Vortrag: Promise like a Pro, Keynote auf der LAS 2015 in Zürich

Wenn Ihnen das Thema Zuverlässigkeit etwas trocken ist, dann lassen Sie es sich mit diesem Vortrag von Ralf Westphal näher bringen:

Zugegeben, er behandelt Zuverlässigkeit für ein Publikum aus der Softwareentwicklungsbranche, doch es gibt darin genügend Stoff, um das Thema auch auf andere Zusammenhänge zu übertragen.

Enjoy!

Veröffentlicht in Allgemein

Kein Erfolg ohne Zuverlässigkeit

Muss man denn wirklich so zuverlässig sein? Ist das Streben nach „100% zuverlässig“ nicht verbissen? Warum das Leben nicht locker angehen?

Das sind berechtigte Fragen. Sie wurden mir von dem Teilnehmer einer Konferenz gestellt, auf der ich in meiner Keynote für mehr Zuverlässigkeit in der Softwareentwicklung plädiert hatte.

Und der Teilnehmer untermauerte sie noch mit dem Verweis auf seine Herkunft. Er käme aus einem Land, wo man andauernd Versprechen geben und dann doch nicht einhalten würde. Das würde jedoch niemanden großartig stören. Es sei Usus, alle täten es, kein Problem. Man sei zufrieden damit.

Ja, was soll ich da sagen…?

Natürlich muss niemand zuverlässig sein. Die Grundhaltung von ich-verspreche.org ist jedoch, dass Zuverlässigkeit – und auch noch mehr Zuverlässigkeit als heute in vielen Bereichen zu finden ist – zu mehr Freude im Leben führt. Ja, ich glaube, nicht weniger steht hinter unserer Initiative.

Aber da ist dieser Teilnehmer und behauptet, seine Landsleute führten mit viel weniger Zuverlässigkeit doch ebenfalls ein freudvolles Leben. Wie passt das zusammen?

Niemandem sei natürlich ein freudvolles Leben in Unzuverlässigkeit abgesprochen. Vielleicht gelingt es den Landsleuten des Teilnehmers auch wirklich. Nur habe ich doch so meine Zweifel.

Ich habe meine Zweifel, weil es mir tatsächlich an Vorstellungskraft fehlt, Zuverlässigkeit als nicht so wichtig zu erachten und keine Verbindung zu den Verhältnissen im Herkunftsland zu ziehen. Denn das Herkunftsland des Teilnehmers ist nach unseren Vorstellungen vergleichsweise arm.

Aber kann man nicht arm und doch freudvoll sein? Bestimmt. Irgendwie. Für Freude im Leben braucht es nicht viel. Doch warum ist dann das Herkunftsland des Teilnehmers so bekannt für Wirtschaftsflüchtlinge? Wer ein freudvolles Leben führt, sucht doch nicht in der Ferne ein besseres und verlässt gar die Heimat.

Und dann rangiert das Herkunftsland des Teilnehmers im Korruptionsindex bestenfalls im Mittelfeld. Ist das ein gutes Zeichen für freudvolles Miteinander in einer Gesellschaft? Da habe ich so meine Zweifel.

Korruption ist das Gegenteil von Zuverlässigkeit. Menschen erfüllen nicht das mit ihrer Position/Rolle verknüpfte Versprechen, sei das in der Wirtschaft oder im Staat. Der Teilnehmer hat also ganz zutreffend berichtet, Zuverlässigkeit sei in seinem Heimatland nicht so wichtig. Was sich jedoch nach einer Sache im kleinen Zwischenmenschlichen anhörte, beschränkt sich nicht darauf. Die Unzuverlässigkeit im Kleinen spiegelt sich im Großen.

Das scheint mir auch ganz natürlich. Wieso sollte ein Wert, den jeder persönlich nicht hat, sich plötzlich in Organisationen finden? Organisationen spiegeln uns Menschen. Wir schaffen sie nach unserem Bild.

Also nochmal: Natürlich gibt es keinen Zwang zur Zuverlässigkeit. Jeder soll nach seiner Façon erfolgreich werden. Nur scheinen mir Armut und Korruption keine rechten Erfolgssymptome.

Wie kommt es also, dass der Teilnehmer dennoch so vollmundig ein Lob der Unzuverlässigkeit sang? Vielleicht liegt es daran, dass er schon seit Jahren nicht mehr in seinem Heimatland lebt. Er genießt die höhere Grundzuverlässigkeit im deutschsprachigen Raum. Also mögen ihm heimatliche Verhältnisse nicht mehr so schlimm erscheinen.

Kann sein, aber ich vermute, der wahre Grund liegt in einem Missverständnis. Es scheint mir günstig, zwei Arten von Zuverlässigkeiten zu unterscheiden:

  • Da ist die Zuverlässigkeit von sozialen Systemen/Organisationen und ihren Produkten.
  • Und da ist die Zuverlässigkeit der Welt, der Natur, des Universums.

Zuverlässigkeit wie wir sie hier meinen, ist natürlich nur eine Sache von sozialen Systeme, d.h. des Menschen. Es geht um Versprechen. Dafür blickt der eine Mensch dem anderen ins Auge und macht eine Zusage. Wir versuchen damit Komplexität zu reduzieren, das Leben also einfacher zu gestalten.

Zuverlässigkeit in der Welt im allgemeinen gibt es nicht. Kein Baum, kein Tier, kein Stein, kein Fluss macht ein Versprechen. Die Natur ist und bleibt letztlich unberechenbar. Schon der eigene Körper ist es. Keine Garantie, dass wir nicht krank werden. Und zur Natur gehören dann auch die anderen Menschen. Wie sie sich verhalten, ist ebenfalls letztlich unberechenbar.

Die fundamentale Unzuverlässigkeit, Unsicherheit, Schicksalhaftigkeit des Lebens ist damit trotz aller Bemühungen so hoch, dass wir gut daran tun, uns damit abzufinden. Wir müssen einen freudvollen Weg innerhalb von Unsicherheit finden. Das ist die Sache von Religion und Philosophie.

Mir scheint, darauf hat der Teilnehmer angespielt. Er hat sagen wollen, dass man in seinem Heimatland eine Grundhaltung zum Leben habe, die anerkennt, dass das Leben viel weniger kontrollierbar ist, als wir annehmen und es uns wünschen. Ihm schien mein Vortrag dafür zu plädieren, dass man versuchen solle, das Leben mehr zu kontrollieren – was doch aber ultimativ zum Scheitern verurteilt sei. Nicht so verbissen zuverlässig sein wollen, lieber etwas mehr Gelassenheit und Gottvertrauen. Ja, das kann wohl gut sein, dass er mir eigentlich das sagen wollte.

Womit er auch recht hat. Wir brauchen mehr Fähigkeit, mit Fehlern und Scheitern und Schicksal umzugehen. Ein weiteres Thema, mit dem sich die Softwareentwicklung (oder Organisationen im Allgemeinen) beschäftigen sollte.

Andererseits aber eben auch ein Missverständnis.

Selbst wenn letztlich alles eitel sein mag. Selbst wenn alles menschliche Tun scheitern kann. Wir kommen ja nicht umhin, etwas zu wollen und anzustreben. Das mag ein frisches Croissant am Morgen sein oder mehr Gehalt ab nächstem Jahr oder Internet selbst in der Wüste oder Menschen auf dem Mars oder weniger Hunger auf der Welt oder weniger Müll in den Meeren.

Wenn wir das nicht so hinbekommen, wie wir es wünschen, dann sollten wir damit zurechtkommen ohne zu verzweifeln. Absolut! Und wenn die Landsleute des Teilnehmers es besser schaffen, mit Scheitern und Verlusten umzugehen, als wir so scheinbar verbissenen Deutschen, dann sollten wir von ihnen lernen.

Um zu scheitern, muss man sich jedoch zunächst einmal aufmachen. Scheitern ist immer nur im Zusammenhang mit Handlung möglich. Und das bedeutet heute noch mehr als bisher in der Menschheitsgeschichte, sich auf andere Menschen einzulassen. Früher war der „Kooperationspartner“ die rohe Natur: Menschen sahen sich für ihre Ziele mit Erde, Wasser, Pflanzen, Tieren konfrontiert. Das ist immer noch so. Doch viel häufiger sind wir eben mit anderen Menschen konfrontiert, davon gibt es immer mehr, die immer dichter zusammenleben. Die brauchen wir als echte Kooperationspartner. Kollegen, Dienstleister, Kunden: nur mit ihnen, nicht gegen sie können wir unsere Wünsche realisieren.

Das kann wie alles im Leben scheitern. Also brauchen wir Gottvertrauen oder moderner: Resilienz, ein, gar Antifragilität.

Aber solange wir noch nicht gescheitert sind… brauchen wir vor allem eines: Menschenvertrauen. Wir müssen unseren Mitmenschen vertrauen. Wir müssen uns auf kleine und große, explizite und implizite Versprechen verlassen können. Ohne zuverlässiges Miteinander kein Fortschritt. Kein halbwegs verlässlicher jedenfalls.

Das ist die Grundannahme von ich-verspreche.org: Dass wir unsere Ziele viel einfacher, d.h. mit weniger Energie und mit mehr Freude erreichen, wenn wir all unsere Versprechen einhalten.

Zuverlässigkeit ist das Fundament entwicklungsfähiger, freudvoller Gemeinschaften.

Jede Gemeinschaft beginnt mit einem Versprechen, sich an die gemeinschaftlichen Regeln zu halten: von den zehn Geboten bis zum Grundgesetz.

Diese Regeln wiederum legen dar, welche konkreteren Versprechen alle Gemeinschaftsmitglieder sich geben bzw. die Gemeinschaft als Ganzes ihren Teilen.

Und viele Regeln beziehen sich explizit wiederum auf die Zuverlässigkeit: Betrug, Unterschlagung, Untreue, Verrat werden streng geahndet.

Das bedeutet im Umkehrschluss nicht, mit hoher Zuverlässigkeit sei alles Freude und Glückseligkeit.

Aber wir glauben, dass ohne einen steten hohen Willen zur Zuverlässigkeit, Freude und Glückseligkeit oder auch nur schlicht „geschäftlicher Erfolg“ sich schon gar nicht einstellen.

Wo Menschen in Gemeinschaft leben, allemal wo Teams ein sehr konkretes Ziel verfolgen sollen, da braucht es von allen Beteiligten das Bewusstsein für die Notwendigkeit zur Zuverlässigkeit in den für Erfolg relevanten Dingen.

Ja, ich denke, so kann ich die Haltung von ich-verspreche.org zusammenfassen.

Jede Gemeinschaft muss dann für sich herausfinden, was sie als „Erfolg“ ansieht und was dafür „relevante Dinge“ sind. Dass zur Erreichung dieses Zustands jedoch allseitige Anstrengungen zur Zuverlässigkeit nötig sind, halten wir für unverbrüchlich. Das ist für uns quasi ein Axiom.

Veröffentlicht in Allgemein

Zuverlässigkeit als Führungsaufgabe

Unzuverlässigkeit entsteht oft durch Abhängigkeiten: durch bekannte, die Sie unterschätzen, und natürlich durch unbekannte.

Wenn diese Abhängigkeiten dann durch Sie selbst befriedigt werden können, haben Sie wenigstens noch alles unter Kontrolle. Sie sind für die Arbeit zur Erfüllung eines Versprechens allein verantwortlich. Sie können also schauen, wie Sie das am besten möglich machen.

Anders sieht es aus, wenn Sie abhängig von anderen Personen sind, von Zulieferern. Über die haben Sie nur begrenzt Kontrolle. Beispiel: Ein Kunde möchte, dass Sie eine Gartenparty organisieren. Sie versprechen, dass alles am 14.7. um 20h laufen wird. Aber Sie leisten das natürlich nicht allein. Sie engagieren z.B. einen Lieferanten für Tische, Zelt, Geschirr usw., einen Koch für das Buffet, einige Servicekräfte und einen DJ. Außerdem ist die Party noch vom Wetter abhängig – aber dessen Zustand müssen Sie zum Glück nicht versprechen.

Sie, der Sie das Ergebnisversprechen abgegeben haben, sind für seine Einhaltung abhängig von Zulieferern aller Art.

Aus einem Ergebnisversprechen, dass für Sie allein vielleicht eine handwerkliche, also gut abschätzbare Leistung mit geringem Risiko gewesen wäre, ist durch die Abhängigkeit von Zulieferern ein Projekt mit hohem Risiko geworden. Sich auf andere Menschen zu verlassen bedeutet, Kontrolle abzugeben. Die Einflussmöglichkeiten im Fall von Unvorhergesehenem sind verringert, weil andere Menschen eben andere Menschen mit eigenen Vorstellungen und Prioritäten und Autonomieanspruch sind.

Wenn Sie ein Versprechen abgeben, dessen Erfüllung Zulieferer bedarf, dann haben Sie eine Führungsaufgabe inne. Seien Sie sich dessen besonders bewusst, falls Sie außerdem auch noch als „Fachkraft“ an der Erfüllung des Versprechens beteiligt sind. Als Partyorganisator könnten Sie z.B. gleichzeitig der Koch auf der Party sein wollen.

Versuchen Sie, solche Doppelbelastung zu vermeiden! Konzentrieren Sie sich auf die Führung und überlassen Sie die „Facharbeit“ den Zulieferern. Als Führungskraft stellen Sie sicher, dass die Zusammenarbeit der Zulieferer reibungslos funktioniert. Sie richten deren Kräfte auf das gemeinsame Ziel aus, Sie koordinieren, Sie schlichten Konflikte. Ihr Produkte ist „der Prozess“, den Sie aus den Zulieferern zusammensetzen. Das Produkt der Zulieferer sind Buffet, Musik usw.

Solche Führung ist keine fire-and-forget Aufgabe. Sie müssen an den Zulieferern dran bleiben, sonst bemerken Sie womöglich erst zu spät, dass die Zielvorstellungen differieren oder es Konflikte gibt.

Führen ist eine ganz eigene Tätigkeit. Wer guter Koch oder DJ ist, ist nicht deshalb auch gute Führungskraft. Es gilt:

Wer führt, sollte nur führen und nicht noch etwas anderes tun.

Doppelbelastungen erhöhen das Risiko, Versprechen nicht einhalten zu können. Zuverlässigkeit ist deshalb eine Führungsaufgabe, wenn Zulieferer im Spiel sind.


Leseempfehlung: Radikal führen von  Reinhard K. Sprenger


PS: Es ist natürlich nicht immer einfach oder gar möglich, nur zu führen, also nicht auch noch Fachkraftaufgaben zu übernehmen. Ein Kleinunternehmer kann womöglich nicht alle Tätigkeiten im Rahmen eines Auftrags an Mitarbeiter übertragen, sondern muss auch noch selbst mit anpacken. Diese Notwendigkeit ändert jedoch nichts daran, das solche Doppelbelastung das Risiko von Unzuverlässigkeit erhöht. Wer sich in solcher Situation sieht, tut gut daran, doppelt vorsichtig zu sein mit Versprechen.

Veröffentlicht in Allgemein

Unzuverlässigkeit durch Abhängigkeiten

Die ewigen Unterbrechungen machen natürlich unzuverlässig. Gerade sind Sie in einer schönen Phase der Konzentration, um Ihr Versprechen einzulösen… da grätscht Ihnen jemand dazwischen. Die Tür geht auf, das Telefon klingelt, das Chat-Icon hüpft. Schon ist es vorbei mit der Ruhe und mit der verlässlichen Abarbeitung. Bis zu einem gewissen Grad ist das unvermeidbar und auch tolerabel – doch oft ist es eben zuviel.

Aber das ist allerdings nur eine Ursache für Unzuverlässigkeit gerade bei Ergebnisversprechen.

Eine andere, womöglich sogar gravierendere sind Abhängigkeiten.

Bekannte Abhängigkeiten

Sie werden so viel Erfahrung im Zubinden von Schuhen haben, dass Sie dafür Ergebnisversprechen abgeben können. Sie glauben, alles in der Hand zu haben. Sie fühlen sich unabhängig.

Allermeistens können Ihre Schuhe auch mit dem veranschlagten Zeitbudget zubinden, also das sich oder anderen versprochene Ergebnis verlässlich herstellen. Doch manchmal… da reißt z.B. der Schnürsenkel. Dann werden aus veranschlagten 30 Sekunden vielleicht 5 Minuten. Sie müssen neue Schnürsenkel suchen… Wo waren die nochmal? Oder Sie müssen eine andere Bindung improvisieren. Oder Sie wechseln die Schuhe – doch passt dann noch Ihre Kleidung dazu?

Selbst beim Binden Ihrer Schuhe sind Sie also abhängig. Sie sind abhängig von der Qualität der Schnürsenkel. Die muss noch so gut sein, dass sie nicht reißen.

Das ist eine Ihnen bekannte Abhängigkeit. Die haben Sie im Hinterkopf. Das Risiko ist klein, dass die Ihnen in die Quere kommt, weil die Schnürsenkelqualität üblicherweise hoch ist.

Eine andere solche Abhängigkeit ist die von der Funktionstüchtigkeit Ihres Autos. Sie haben ja versprochen, jeden Morgen pünktlich bei der Arbeit zu sein. Dafür brauchen Sie mit dem Auto 25 Minuten. Üblicherweise. Wenn das Auto funktioniert.

Damit das der Fall ist, prüfen Sie regelmäßig den Ölstand und fahren zur Inspektion. Sie pflegen also das Mittel, von dem Sie abhängig sind bei der Erfüllung Ihres Versprechens. Das Auto als Abhängigkeit ist Ihnen sehr bewusst.

Wenn Sie zum Abendessen eingeladen haben und selbst kochen wollen, dann ist Ihnen natürlich auch klar, dass Sie dafür einkaufen müssen. Ihr Versprechen ist abhängig vom Vorhandensein der Zutaten für das geplante Gericht. Also gehen Sie am Morgen in den Supermarkt und kaufen alles Nötige ein.

Alle diese Abhängigkeiten sind Ihnen bekannt und Sie lassen sich mit einem klar umrissenen Budget entschärfen. Sie stehen Ergebnisversprechen also nicht im Wege.

Anders ist das mit bekannten Abhängigkeiten, deren Entschärfung nicht so einfach möglich ist. Beispiel: Sie sollen eine Präsentation für Ihren Vorgesetzten ausarbeiten. Dafür brauchen Sie nicht nur handwerkliches Können in Bezug auf Powerpoint. Sie müssen auch die dort zu präsentierenden Zahlen haben und verstehen.

Powerpoint haben Sie drauf. Aber wo sind die Zahlen? Haben Sie schon eine Idee, wie Sie die am besten präsentieren?

Die Abhängigkeit ist Ihnen klar – unklar ist, wie viel Aufwand es machen wird, sie zu entschärfen.

Hier verlassen Sie den Bereich handwerklicher Arbeit. Um die Zahlen zu beschaffen und zu verstehen und dann bestmöglich darzustellen, müssen Sie Forscher und Designer/Ingenieur werden. Sie müssen analysieren, sie müssen entwerfen. Wie lange dauert das aber? Wann werden Sie die Zahlen beschafft, verstanden und verständlich angeordnet haben?

Abhängigkeiten, die nicht mit handwerklicher Tätigkeit entschärft werden können, vereiteln Ergebnisversprechen.

Wenn Sie dabei sind, ein Ergebnisversprechen einzugehen, überlegen Sie genau, welche Abhängigkeiten im Spiel sind. Seien Sie ehrlich zu sich, ob es sich dabei um solche handelt, die Sie risikolos unter Kontrolle haben. Falls nicht, geben Sie kein Ergebnisversprechen ab. Machen Sie lieber ein Verhaltensversprechen.

Schämen Sie sich nicht, Unsicherheiten zuzugeben, die Ihnen ein Ergebnisversprechen schwer machen. Das Risiko, dass Sie das Ergebnisversprechen brechen, ist viel zu groß; und dann kommen die Unsicherheiten ohnehin, wenn auch nachträglich ans Tageslicht. Dann ist jedoch Schaden eingetreten – und Sie werden sich mühen, Ihre Fehleinschätzung zu kaschieren. Das blame game beginnt. Wieder wird Zeit verschwendet.

Seien Sie lieber ehrlich. Das mag einen Moment schmerzen, weil Sie sich schämen, unsicher zu sein. Doch am Ende ist damit allen mehr gedient. Ihr Verhaltensversprechen erfüllen Sie. Zuverlässigkeit ist hergestellt, Vertrauen erhalten oder sogar gewachsen.

Unbekannte Abhängigkeiten

Bekannte Abhängigkeiten können ein Problem sein. Seien Sie also vorsichtig gerade bei Ergebnisversprechen.

Noch schlimmer sind hingegen sind unbekannte Abhängigkeiten, also Abhängigkeiten, von denen Sie bei Abgabe eines Versprechens nichts ahnen.

Unbekannte Abhängigkeiten tun sich auf, wenn wir unser Können bzw. unser Verständnis überschätzen. Wir lesen nicht genau, wir hören nicht genau zu, wir denken nicht genug nach… und schon gibt es einen blinden Fleck bei der Erfüllung eines Versprechens.

Das ist für Verhaltensversprechen nicht ganz so schlimm. Ergebnisversprechen brechen gerade unbekannte Abhängigkeiten jedoch oft das Genick.

Sie versprechen, in 10 Minuten beim Mittagessen zu sein. Bis dahin wollen Sie nur kurz noch ein Bild aufhängen. Hammer, Nagel, Bild: alles ist zur Hand. Doch der erste Schlag auf den Nagel zeigt, so wird es nicht gehen. Die Wand ist steinhart. Da geht kein Nagel rein. Dabei hat es bei den anderen Bildern doch so gut funktioniert. Nun müssen Sie in den Keller, um Bohrer, Dübel, Schrauben zu suchen… Als Sie wieder im Wohnzimmer sind, steht das Essen schon auf dem Tisch und man ruft schon sehr ungeduldig nach Ihnen. Ihr Versprechen haben Sie gebrochen. Der Grund: eine unbekannte Abhängigkeit.

In diesem Beispiel mangelt es an Verständnis der „Wandsituation“. Die unbekannte Abhängigkeit ist die von Bohrer, Dübel, Schraube.

So etwas kommt vor, nicht nur beim Heimwerkern.

Die Selbstüberschätzung lauert überall. Oder wenn Sie es lieber so formuliert hören wollen: Die Unterschätzung der Schwierigkeitsgrade von Aufgaben lauert überall. Plötzlich stehen Sie vor mehr Problemen, als Sie eigentlich dachten.

Das ist auch der Fall, wenn sich die Anforderungen ändern. Sie haben z.B. versprochen, innerhalb eines Tages die Anforderungen eines Kunden zu studieren, um sie mit Ihrem Vorgesetzten zu diskutieren. Kaum haben Sie damit jedoch angefangen, kommt der Vorgesetzte und legt nach: Nun sollen Sie gleich noch eine Machbarkeitsstudie mit Aufwandsabschätzung für die Geschäftsleitung produzieren. Natürlich auch bis morgen.

Während Sie bei Eingehen des Versprechens noch alle Abhängigkeiten gesehen und unter Kontrolle hatten, ist das nun anders. Die Änderung des Auftragsumfangs führt zu neuen Abhängigkeiten, denn für die Aufwandsschätzung müssen Sie mit Kollegen aus der Fachabteilung sprechen.

Selbstverständlich stellt eine solche einseitige Änderung des „Kontrakts“ eine unerlaubte Handlung dar. Das ist nicht fair. Trotzdem passiert es.

Um nicht in die Falle unbekannter Abhängigkeiten zu tappen, gehen Sie am besten noch weniger Ergebnisversprechen ein.

Oder wenn Sie zu einem Ergebnisversprechen gezwungen werden, dann machen Sie zumindest sonnenklar, in Kenntnis welcher Abhängigkeiten Sie es eingehen.

Allemal sollten Sie bei jedem Hauch einer Unsicherheit einem Ergebnisversprechen eine Analysephase voranstellen. Das tut jeder Handwerker, wenn er Ihnen einen Kostenvoranschlag macht. Die Analyse bestätigt bekannte Abhängigkeiten und leuchtet hoffentlich auch noch Bereiche aus, in denen sich ungeahnte, d.h. unbekannte Abhängigkeiten verbergen.

Veröffentlicht in Allgemein